Menschen retten, Klima retten
Nach ihrer Weltreise hat Nora Stroetzel das Start-up "Praxis ohne Plastik" gegründet. Credit: Stroetzel/POP
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Michaela Haas
Reporterin

Menschen retten, Klima retten

Zuhause jedes Plastiksackerl vermeiden, aber bei der Arbeit haufenweise Müll produzieren? So geht es vielen Ärzt*innen. Auch in Krankenhäusern ist Müllvermeidung möglich, ohne Abstriche bei der Hygiene zu machen.

Nach ihrem Technikstudium erfüllte sich Nora Stroetzel (siehe Aufmacherbild) einen langgehegten Traum und ging auf Weltreise. Sie liebt abgelegene Orte: Den indonesischen Dschungel, den sie nach einer mehrtägigen Wanderung erreicht. Berge im Himalaya, die nur Sherpa und Wanderer zu Fuß erklimmen. Tauchen vor Inselriffen, die kleine Fischerboote anschipperten.

Aber eines ärgerte sie überall: „Egal, wie fernab von der Zivilisation ich war, eines war immer schon vor mir da: Plastik,“ sagt Stroetzel, 34 Jahre alt. „Plastik, das dort für immer bleiben und niemals verrotten würde, auf über 4.000 Meter Höhe und angespült an Stränden mehrere hundert Kilometer von der nächsten größeren Stadt entfernt.“ Sie sah „wilde Orang-Utans, die durch Rascheln von Plastik von den Bäumen gelockt werden konnten und Einsiedlerkrebse, die Plastikdeckel statt Muscheln als Behausung gewählt hatten.”

Schon auf Reisen engagierte sie sich bei Strandsäuberungsaktionen und baute eine Mülltrennungsstation in Indonesien mit auf. Aber der entscheidende Wendepunkt kam, als sie nach Kiel zurückgekehrt war: „Ich bekam bei meinem Zahnarzt einen Plastikbecher in die Hand gedrückt, um mir den Mund auszuspülen. Den hatte ich vielleicht zehn Sekunden in der Hand, und dann wurde er weggeworfen,“ erzählt Stroetzel. „Das hat mich so gestört und auch wütend gemacht.“ Sie beschloss, Alternativen zu recherchieren und wurde fündig: „Es gibt leicht zu reinigende Mehrwegbecher.“ Fast alle Zahnarztpraxen sterilisierten ohnehin ihre Geräte, das könnten sie also auch mit Mundspülbechern tun, sagt Stroetzel. „Gerade an diesem Beispiel kann man gut sehen, dass wir Plastik unnötig häufig verwenden.“

400 Gramm Plastikmüll pro Patient*in pro Tag

Der medizinische Sektor ist der fünftgrößte Verursacher von Müll in Industrieländern. In den USA beispielsweise produziert er nicht nur 8,5 Prozent der Treibhausemissionen, sondern auch 6.000 Tonnen Abfall pro Tag, darunter 400 Gramm Plastik pro Patient*in täglich. Ein Jahr lang recherchierte Stroetzel potenzielle Lösungen und Alternativen. Dann gründete sie mit ihrem ehemaligen WG-Mitbewohner und IT-Experten Nicolai Niethe, 32, im Sommer 2022 das Start-up POP – Praxis ohne Plastik.

___STEADY_PAYWALL___Das Start-up berät Praxisteams, wie sie Müll und Energie sparen können, und verkauft nachhaltige Alternativprodukte. Denn: Stroetzel fand zwar nachhaltige Alternativen, aber „nicht von den großen Herstellern und wenn doch dann nur vereinzelte Produkte. Der Aufwand, diese Produkte zu finden, war enorm. Teils waren sie nur über kleine Hersteller direkt zu beziehen, hier noch nicht zugelassen oder noch nicht bestellbar.“

Dafür haben Ärzt*innen und Praxisangestellte im hektischen Alltag keine Zeit. Als Stroetzel mit befreundeten Ärzt*innen sprach, „sagten die ganz klar, sie ärgern sich auch, wenn sie zuhause versuchen, jede einzelne Plastiktüte zu vermeiden, aber bei der Arbeit gezwungen werden, solche Massen an Plastik zu verwenden. In vielen Bereichen ist das überhaupt nicht notwendig.“

Diese Erfahrung spiegelt die jüngste Repräsentativumfrage der Stiftung Gesundheit wider: Neun von zehn Ärzt*innen sind sich der Dringlichkeit von nachhaltigen Lösungen in medizinischen Einrichtungen bewusst, aber es hapert bei der Umsetzung und dem spezifischen Know-how.

LKH Villach setzt auf "Green Team"

Auch bei großen Kliniken ist das Thema Nachhaltigkeit angekommen, zumindest als Vorsatz. Das Landeskrankenhaus Villach etwa veranstaltete unter seinen Mitarbeitern einen Ideenwettbewerb, wie das Krankenhaus nachhaltiger werden könnte: „Wie können wir unseren CO2 Fußabdruck reduzieren?“ Die Wettbewerbs-Ideen werden nun schrittweise umgesetzt. Interessanterweise beginnen die meisten umweltfreundlichen Maßnahmen im nicht-medizinischen Bereich: „Photovoltaikanlagen, nachhaltigeres Essen, verpflichtende Schulungen zur Klimafreundlichkeit, Umstellung der Dienstkleidung auf Global Organic Textile Standard (GOTS), Anlegung von Blumenwiesen und Ankauf von Elektrofahrrädern für Mitarbeiter,“ nennt Ernst Trampitsch, Vorstand der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am LKH Villach, einige Beispiele. „Wir reden mit dem Küchenchef, dass er das vegane Essen ganz oben auf der Speisekarte platziert. Oder wir sind mit einem Elektriker durch das Haus gegangen und haben geschaut, wo wir die Beleuchtung mit Beweglichkeitsmeldern steuern können,“ gibt er als weiteres Beispiel für mehr Nachhaltigkeit an.

Portraitfoto Ernst Trampitsch, Vorstand der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am LKH Villach
"Mir geht die Umsetzung noch viel zu langsam“, sagt Ernst Trampitsch, Vorstand der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am LKH Villach. Credit: KABEG

Vor jedem Aufzug hänge nun ein Schild, das zum Treppensteigen motiviert. „Lift ist Gift,“ meint Trampitsch, der sagt, er selbst nehme nur noch die Treppen. Mitarbeiter*innen, die mit einer umweltfreundlichen Methode in die Klinik kommen, bekommen Bonuspunkte, die sie in monatlichen Gutscheinen bis 15 Euro einlösen können.

Aber auch im medizinischen Betrieb selbst analysierte das sogenannte „Green Team“ Einsparmöglichkeiten. „Jeden Monat treffen wir uns und setzen einen Schwerpunkt,“ erklärt Trampitsch. Bei einer so großen Klinik wie Villach mit 700 Betten machen kleine Maßnahmen auf Dauer einen großen Unterschied. „Wir haben die Patientenidentifikationsbänder für Tagespatienten von Plastik auf Papier umgestellt,“ sagt Trampitsch. „Im Jahr spart das Hunderttausende von Plastikbändern.“ Das Team habe auch festgestellt, dass die Plastiksäcke zur Befeuchtung des Sauerstoff weggelassen werden können, „da sparen wir 9000 Plastiksäcke und gleichzeitig 9000 Euro im Jahr, haben also einen ökonomischen und ökologischen Vorteil.“

Sauerstoffgabe ohne Plastiksäcke am LKH Villach.
Seit 2022 verzichtet das LKH Villach auf steril abgepackte Plastiksäcke zur Befeuchtung von Sauerstoff nachdem Studien gezeigt haben, dass diese bei guter Pflege nicht nötig sein. Credit: KABEG

Recycling nicht überall möglich

Behälter, die mit Körperflüssigkeiten wie Blut oder Urin in Berührung kommen, können in der Regel gar nicht oder nur mit enormem Aufwand recycelt werden. Stattdessen werden sie meist verbrannt. Da setzt das Villacher "Green Team" auf Müllvermeidung, in diesem Monat etwa mit dem Schwerpunkt Blutabnahmen. Zum Beispiel werden bei Patient*innen ohne Risikofaktoren nun keine präoperativen Blutabnahmen mehr durchgeführt. „Das verursacht extrem viel Müll, drei Röhrchen Sondermüll bei jedem Patienten,“ erklärt Trampitsch.

Auch die Charité Berlin, Europas größtes Universitätsklinikum, hat sich das Ziel gesetzt, klimaneutral zu werden, emittiert derzeit aber noch 105.000 Tonnen CO2 pro Jahr, etwa soviel wie eine Stadt mit 10.000 Einwohner*innen.

Eine Taskforce analysiert die größten Klimakiller im Klinikbetrieb: “Im Vergleich zum Basisjahr 2016 konnten wir die CO2-Emissionen bereits um 21 Prozent reduzieren,” sagt Simon Batt-Nauerz, der bei der Charité sei Mai 2022 für die Infrastruktur und die Nachhaltigkeit zuständig ist. (Empfehlung: ZDF-Reportage zum Thema) Die 20.000 Mitarbeiter*innen der Charité können unter anderem das Fahrradprogramm „Jobrad” in Anspruch nehmen und ihre Zweisitzer kostenlos in der eigenen Fahrradwerkstatt warten lassen. Weiteres Potential für CO2-Einsparungen sieht das Universitätsklinikum in der neuen medizinischen Mitarbeiterbekleidung. 8.000 Klinikmitarbeiter*innen werden bald in Kittel, Kasacks und Hosen aus organischem Tencel statt des bisherigen Baumwoll-Polyester-Gemischs gekleidet. Tencel ist eine Holzfaser aus regionalem Anbau, die in der Rohstoffgewinnung bis zu 70 Prozent weniger Fläche und 75 Prozent weniger Wasser verbraucht als Baumwolle. Batt-Nauerz ist vor allem stolz darauf, im letzten Jahr 85 Tonnen Lebensmittelabfälle eingespart zu haben. Das entspricht etwa 216 Tonnen CO2. Er weiß aber auch: „70 Prozent der CO2-Emissionen entstehen in der Lieferkette.” Und eine weitere große Quelle ist der Energieverbrauch. Die Charité bezieht zwar Ökostrom, aber weil die drei Klinikstandorte teilweise denkmalgeschützt sind, würde eine Gebäudesanierung viele Millionen Euro kosten.

„Mir geht die Umsetzung noch viel zu langsam.“

Knapp ein Drittel des Krankenhausabfalls kommt aus dem OP- und Intensivbereich. Da empfiehlt die Charité-Anästhesistin Susanne Koch die „5 Rs: Reduce, Reuse, Recycle, Rethink, Research.” Koch kritisiert, dass Menschen im medizinischen Bereich den immensen Verbrauch von Plastik einfach hinnehmen, weil Sicherheit vorgeht: „Niemand will verklagt werden, weil etwas wiederverwendet wurde,” sagt sie. „Aber es ist möglich, den Plastikverbrauch zu reduzieren und manche Materialien wiederzuverwenden.” Als Beispiel nennt sie chirurgische Sets, die meist mehr Material enthalten, als die Chirurg*innen bei einer OP verwenden und die danach aber komplett entsorgt werden. „Knapp ein Fünftel des Materials wird nicht benutzt, aber weggeworfen,” weiß Koch. Eine Lösung könnten kleinere OP-Sets sein. Darauf setzt auch das LKH Villach: Operative Sets wurden auf Druck des Klinikpersonals verkleinert. „Wir haben Druck auf die Firmen gemacht. Die stellen uns nun halb so große Sets zur Verfügung,“ sagt Trampitsch und wird trotz der kleinen Erfolge ungeduldig. „Mir geht die Umsetzung noch viel zu langsam.“

Das liegt auch daran, dass Krankenhäuser spezielle Materialien verwenden, die nicht wie Haushaltsmüll recycelbar sind. In den Niederlanden haben zwei Forscher an der TU Delft, Tim Horeman und Bart van Straten, eine Methode entwickelt, die blauen Polypropylen-Verpackungen, in denen sterile Instrumente verpackt werden, zu recyclen. Derzeit werden mehr als eine Million Kilos dieser blauen Verpackungen jedes Jahr in holländischen Krankenhäusern verbraucht, und immer mehr wollen die neue Recycling-Möglichkeit nutzen.

Und an der University of Michigan verkündeten die Wissenschaftlerinnen Danielle Fagnani and Anne McNeil gerade einen Durchbruch dabei, PVC wiederzuverwerten. Denn viele Blutbeutel, Schläuche und andere Teile sind aus PVC und können  bisher nicht recycelt werden, sondern werden als Sondermüll entsorgt. „Die Menschheit hat versagt, wenn sie diese großartigen Materialien geschaffen hat, die unsere Lebensqualität in vieler Hinsicht verbesserten, aber wenn wir gleichzeitig so kurzsichtig sind, dass wir nicht darüber nachdachten, was wir mit dem Abfall machen,” sagt Anne McNeil. Sie hofft, ihre Forschung werde dazu beitragen, auch medizinisches Material als Teil einer Kreislaufwirtschaft zu begreifen.

Das Ziel von POP ist, nachhaltige Produkte nach transparenten, klaren Kriterien zu bewerten und die Informationen schnell und unkompliziert zu kommunizieren: Als Beispiele für ökologische Lösungen nennen die Gründer Bambuszahnbürsten, wiederverwendbare Mundspülbecher, nachhaltige Zahnhygiene-Sets, waschbare FFP2-Gesichtsmasken und Handschuhe aus Nitril. Die wurden immerhin in der Herstellung laut Stroetzel „so optimiert, dass sie weniger Wasser und Energie benötigen, sie haben eine bessere CO2-Bilanz als herkömmliche Handschuhe.“

Klar, ganz ohne Mehraufwand geht die Umstellung nicht. „Unsere Kunden sagen uns, sie wären bereit, für nachhaltige Produkte bis zu 30 Prozent mehr zu bezahlen, aber oft kosten diese gar nicht mehr.“ Bei nachhaltigen Liegenauflagen etwa gebe es „gar keinen Preisunterschied“. Arztkittel aus nachhaltig und fair produzierter Baumwolle seien nur wenige Euro teurer als konventionelle.

Plastik schadet auch der Gesundheit

Einiges, was die beiden POP-Gründer im Workshop lehren, leuchtet auf Anhieb ein: Etwa wiederaufladbare Akkus statt Batterien zu nutzen, umweltfreundliche Reiniger zu kaufen oder unerwünschte Werbesendungen abzubestellen. Eine Praxis wirklich nachhaltig einzurichten, ist aber nicht einfach, geben die beiden zu. Das liege auch an manchen – ihrer Meinung nach ­­– zu komplizierten Hygiene-Bestimmungen sowie an den Herstellern, bei denen die Gründer Druck machen wollen. „Klar, die Liegenauflage muss steril sein,“ sagt Niethe. Es gebe Liegenauflagen aus recyceltem Papier, aber selbst Papierauflagen seien manchmal nochmal mit Plastik beschichtet oder in Plastik eingeschweißt. “Wir fragen dann bei den Herstellern nach: Wie ist das Ganze denn verpackt? Wie wird es versendet?” Häufig seien Medizinprodukte doppelt und dreifach eingepackt und verschweißt, obwohl das gar nicht nötig sei.

Die Vision von Stroetzel: Plastik aus Erdöl mit Produkten aus nachwachsenden Ressourcen ersetzen, Recyclingmethoden verbessern, und alle Beteiligten von den Praxismitarbeitenden bis zur gesamten Lieferkette über nachhaltige Methoden aufklären.

Schließlich schade das Plastik nicht nur dem Planeten, sondern letztlich auch den Patient*innen: Als Mikroplastik findet es auch den Weg in unsere Körper. Etwa fünf Gramm, circa das Gewicht einer Kreditkarte, nehme ein Mensch pro Woche auf.

Das Dilemma auf den Punkt bringt Koch von der Charité: “Welchen Sinn macht es, wenn wir Patientenleben retten und gleichzeitig den Planeten zerstören?”

Autor*in: Michaela Haas

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