Was wir aus der Lieferkrise lernen können
Konstruktion eines Offshore-Windrades Credit: stock.adobe.com/
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Magdalena Klemun
Kolumnistin

Was wir aus der Lieferkrise lernen können

Für Photovoltaik-Anlagen gibt es derzeit lange Wartezeiten – keine gute Nachricht für das Klima. Dafür verantwortlich sind mehrere kleine und große Krisen in den globalen Lieferketten. Welche Konsequenzen sollte die Politik daraus ziehen?

Es gilt im Alltag wie in der Technik: Manches geht schnell (Geld ausgeben, Flug versäumen), anderes dauert länger (Geld verdienen, Flughäfen bauen). Photovoltaikanlagen zählten bisher wegen ihrer vergleichsweise kurzen Planungs- und Konstruktionsdauer zu den “schnellen” klimafreundlichen Technologien. Doch die Pandemie und der Ukraine-Krieg haben die Ordnung zwischen “schnell” und “langsam” durcheinander gebracht. So könnte man derzeit während der Wartezeit auf eine Photovoltaik-Anlage (PV) in Österreich fast schon einen kleinen Flughafen bauen. Dem Klima hilft dies jedoch nicht.

In mehreren Bundesstaaten im Osten der USA werden neue Bewilligungsanträge für PV- und Windkraftanlagen sogar erst wieder 2026 begutachtet, weil der Netzbetreiber vom Andrang überfordert ist. Neue, vor allem größere Anlagen können nicht einfach ans Netz gehen und Strom einspeisen. Sie und das lokale Stromnetz müssen erst auf ihre Tauglichkeit überprüft und genehmigt werden.

Sicherheit ist wichtig, doch nicht alle wollen warten. Daten vom Lawrence Berkeley National Laboratory, einer Forschungseinrichtung der University of California, zeigen, dass nur ein Viertel der Projekte, die zwischen 2000 und 2016 in der Warteschlange landeten, irgendwann tatsächlich CO2-freien Strom produzierten. Der Rest wurde nie beendet. Firmen verloren angesichts mühsamer Behördenwege, Verzögerungen, sowie unerwarteter verpflichtender Zusatzinvestitionen ins Stromnetz das Interesse. Wie Privatpersonen langfristig auf lange Wartezeiten reagieren werden, wird sich erst zeigen.

Über die Autorin
  • Magdalena Klemun ist Energieforscherin und befasst sich unter anderem mit technologischer Innovation, Klimapolitik und Nachhaltigkeit - für tag eins wird sie eine monatliche Kolumne über diese Zukunftsthemen schreiben. Klemun hat am Massachusetts Institute of Technology (MIT) promoviert und forscht derzeit als Assistant Professor an der Hong Kong University of Science and Technology. Zuvor hat sie an der TU Wien und der Columbia University studiert und für nzz.at sowie Die Presse geschrieben.

In der grünen Lieferkette kriselt es

Auch für komplexere Bauprojekte wie Offshore-Windkraftanlagen heißt es möglicherweise bald “bitte warten”. So hat etwa der Global Wind Energy Council schon 2020 darauf hingewiesen, dass weltweit nur einige wenige Schiffe für die Errichtung sehr großer Offshore-Windkraftanlagen existieren, die Nachfrage aber steigt. Die Größe einzelner Anlagen ist sowohl bei landbasierter als auch Offshore-Windkraft massiv angestiegen, weil größere Anlagen höhere und stabilere Windgeschwindigkeiten nutzen können. Während kleinere Offshore-Anlagen noch mit Hilfe umgebauter Schiffe aus der Ölindustrie errichtet wurden, sind für Großkraftwerke Spezialanfertigungen notwendig. Ihr Bau dauert Jahre.

Diese Beispiele zeigen, dass es in der grünen Lieferkette an vielen Stellen kriselt. In Europa trifft die durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Nachfrage auf überforderte Netzbetreiber, langsame Abwicklung von Förderanträgen, Fachkräftemangel, sowie Preissteigerungen und Lieferengpässe bei Materialien und Komponenten. Etwa solchen aus China. Dort brachten Lockdowns und Infektionswellen den Betrieb an Häfen und in Solarmodul-Fabriken zum Stillstand. Zu all diesen Problemen und ihren Folgeeffekten kommt in Österreich eine wenig vorausblickende Energie- und Klimapolitik, wie Bundeskanzler Karl Nehammer mit seiner “Zukunftsrede” erneut klargestellt hat.

In den USA hecheln Netzausbau und Verwaltungsreform indes schon lange dem Wachstum bei Wind- und PV-Anlagen hinterher. US-Präsident Joe Bidens Subventionsprogramm, der Inflation Reduction Act, konzentriert sich auf den Ausbau von Fabriken für CO2-freie Technologien und auf Steuererleichterungen für Cleantech-Konsument*innen, beinhaltet aber vergleichsweise wenig zur Bekämpfung bürokratischer Hürden.

Von mangelnder Nachfrage zu mangelnder Verfügbarkeit

So unterschiedlich sie sind, alle diese Engpässe verdeutlichen, wie sich die Herausforderungen in der Energiewende gerade verschieben. Von mangelnder Nachfrage nach ehemals vergleichsweise teuren Hardware-Komponenten wie Windturbinen und PV-Modulen hin zu mangelnder Verfügbarkeit jetzt deutlich günstiger Komponenten. Woran es auch fehlt, sind Arbeitskräfte und effizient designte Bau- und Genehmigungsprozesse, um diese Komponenten in funktionierende Kraftwerke zu verwandeln.

Um es optimistisch auszudrücken: Das — billigere Bauteile, steigende Nachfrage — sind Merkmale einer Cleantech-Erfolgsgeschichte, die doch noch einmal eine Wendung nimmt. Das gilt aber eben nur, wenn die Versorgungskette bald wieder ins Gleichgewicht gebracht wird.

“Bald” auch, weil der Klimawandel dieser Kette mehr Widerstandskraft abverlangen wird, nicht weniger. Zum Beispiel, wenn Trockenzeiten oder Überschwemmungendie Stromversorgung in Ländern mit starker Produktionskapazität gefährden.



Die Energiewende darf nicht an Bürokratie scheitern

Was tun? Zuallererst: Engpässe sind nicht nur schlecht. Schocks machen klarer, wo Systeme schwächeln. Nicht umsonst findet so manche Entscheidung, die heute messbare Fortschritte bei erneuerbaren Energien ermöglicht hat, ihren Ursprung in den Öl-Krisen der 1970er, etwa staatliche Investitionen in Forschung und Entwicklung von erneuerbaren Energien. Inzwischen hat sich bei klimafreundlichen Technologien viel Expertise und Einfluss in einigen wenigen Ländern angesammelt.

Das gilt für die Produktion von Rohstoffen wie Silizium oder seltenen Erden genauso wie für Bauteile. 2022 kamen 80 Prozent der PV-Rohstoffe und Module aus China, sowie drei Viertel der global produzierten Batterien für Elektroautos. Mehr Gleichgewicht in der Produktion hätte geringere globale Auswirkungen der strikten COVID-19 Lockdowns in China bewirkt. Allerdings: Bis vor Kurzem war es nicht einfach, für eine Verlagerung der Cleantech-Produktion von Osten nach Westen zu argumentieren. Staatliche Förderungen und billiger Strom hatten schließlich einen Boom der chinesische Solarindustrie ermöglicht. Massenproduktion in der Volksrepublik trug maßgeblich zu globalen Preisreduktionen bei PV-Modulen und anderen Cleantech-Produkten bei.

Aber da ist auch ein anderes Problem abseits von Chinas Dominanz in der Produktion. Engpässe ergeben sich auch, wenn Staatshilfen sich auf einen Aspekt konzentrieren (etwa, den Kaufpreis für Technologien zu reduzieren), aber andere Aspekte (etwa den Ausbau begleitender Infrastruktur) weniger bedienen.

Klare Ziele für den Stromnetzausbau und Trainingsprogramme für Fachpersonal sollten also ähnlich wichtig sein wie Ausbauziele für Anlagen selbst. Forschung braucht es nicht nur, um die für die Energiewende nötige Hardware zu verbessern, sondern auch, um die Umsetzung mittels “softer Infrastruktur” (neue Geschäfts- und Bürgerbeteiligungsmodelle, schnellere Bauverfahren, Software um Bewilligungsverfahren zu automatisieren) zu beschleunigen. Es wird immer schwerer zu akzeptieren sein, dass in Zeiten von ChatGPT Energieprojekte verzögert werden, weil irgendwer irgendeine Liste nicht abgeglichen hat.

Nach Kostenreduktionen bei klimafreundlichen Technologien steht also die nächste Herausforderung an. Die Versorgungskette muss so umgestaltet werden, dass ein CO2-armes Energiesystem rasch und sozial verträglich umgesetzt werden kann. Und zwar so, dass nicht neue alte Abhängigkeiten verbleiben, nur dass dabei Russland durch China ersetzt wurde.

Neue Allianzen sind wichtig. Die Rohstoff-Handelspartnerschaften, die 2021 und 2022 außerhalb Chinas entstanden sind und gerade entstehen, waren wichtige kleine Schritte. Betriebe, die in der EU hochwertige klimafreundliche Technologien unter strikten Umweltauflagen produzieren wollen, besser zu unterstützen und gegen Preisdumping zu schützen, wäre ein nächster.

Autor*in: Magdalena Klemun

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