„Die Bewerbung als ,klimaneutral‘ ist immer irreführend“
Hält meist nicht, was es verspricht: Das Label „CO2-neutral". Bild: Adobe Stock.
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Christof Mackinger
Reporter

„Die Bewerbung als ,klimaneutral‘ ist immer irreführend“

Unternehmen werben gerne mit dem Label „klimaneutral“. Das ist nett fürs Gewissen der Konsument*innen, bringt dem Klima aber so gut wie nichts. Warum erklärt die Biologin und Kohlenstoffmarkt-Expertin Jutta Kill.

tag eins: Frau Kill, was bedeutet es, wenn auf einem Produkt „CO2-neutral“ steht?
Jutta Kill:
Unternehmen, die mit „klimaneutralen“ oder „CO2-kompensierten“ Produkten werben, werben damit, Emissionen, die bei der Herstellung des Produkts entstehen, an anderer Stelle ausgleichen zu lassen. Das heißt, dass es buchhalterisch um ein Nullsummenspiel geht. 

Sie sagen, dieser freiwillige Emissionshandel sei „eine große Gefahr für den Klimaschutz“. Warum?
Weil dieser Emissionshandel tatsächlichen Klimaschutz ausbremst und die größten Verschmutzer letzten Endes damit den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verlangsamen können. 

Bei welchen Projekten kann CO2-Neutralität gekauft werden?
Es gibt Projekte, die mit vermiedener Entwaldung werben; es gibt Projekte, die damit werben, Familien in ländlichen Regionen des globalen Südens energieeffizientere Kochöfen zur Verfügung zu stellen, damit beim Kochen weniger Brennholz verwendet wird. Auch Aufforstungsprojekte verkaufen solche CO2-Gutschriften. Die Argumentation lautet: Die Bäume wären ohne den Verkauf der CO2-Gutschriften nicht gepflanzt worden. Damit wäre der Atmosphäre das in den Pflanzen eingelagerte CO2 nicht entzogen worden. ___STEADY_PAYWALL___

Konkret: Unternehmen wie Shell oder BP bieten klimaneutrales Motoröl oder Benzin an. Das bedeutet oft, dass sie CO2-Gutschriften aus einem Waldschutzprojekt gekauft haben. Dieses Projekt befindet sich zum Beispiel in Peru. Dort gibt es einen Betreiber, der ein Projekt umsetzt, mit dem geplante Entwaldung vermieden werden soll. Der Projektbetreiber hat ausgerechnet, wie hoch die Emissionen gewesen wären, hätte es das Waldschutz-Projekt nicht gegeben. Er vergleicht dann dieses hypothetische Entwaldungs-Szenario mit der Realität in der Umsetzung des Kompensationsprojekts. Aus der Differenz errechnet er, dass, sagen wir, zwei Millionen Tonnen CO2 über die Laufzeit des Projektes eingespart werden würden. Solche Kompensationsprojekte laufen oft zwischen 15 und 30 Jahren. Manchmal länger, aber maximal 99 Jahre. 

„In Deutschland haben jetzt die ersten Gerichte entschieden, dass Werbung mit klimaneutralen Produkten irreführend ist.“

Wie geht es dann weiter?
Der Projektbetreiber bestellt einen Gutachter, der die standardkonforme Umsetzung des Projekts und die Berechnung der vermeintlich eingesparten Emissionen attestiert. Danach kann der Projektbetreiber die CO2-Gutschriften verkaufen, direkt an ein Unternehmen wie Shell, oder auch an Händler wie ClimatePartner, SouthPole oder Climate Impact Partners. Das sind Zwischenhändler, die Emissions- oder Energiebilanzen für Unternehmen erstellen. Für die Emissionen, die ein Unternehmen nicht vermeiden kann oder will, bieten sie ein Portfolio aus Kompensationsprojekten an. Größere Unternehmen wie Shell und BP investieren auch in eigene Kompensationsprojekte oder kaufen die CO2-Gutschriften von Händlern. Der Konzern erhält oft auch vom Händler ein zusätzliches Zertifikat, das dem Unternehmen bescheinigt, ein „klimaneutrales“ Produkt zu verkaufen. Dieses „klimaneutral“-Label kann dann mit dem Produkt vermarktet werden.

Um CO2-Gutschriften zu generieren, gibt es unterschiedlichste Projekte. Was kann man sich darunter vorstellen?
Waldschutzprojekte ist die beliebteste Kategorie im sogenannten freiwilligen Kohlenstoffmarkt. Die Werbung mit dem intakten Wald, der vor der Zerstörung gerettet wurde und die CO2-Gutschrift: Das sind, aus einer Marketing-Perspektive, zwei Fliegen mit einer Klappe. Wald-Kompensationsprojekte sind auch deshalb so beliebt, weil sie vergleichsweise preiswert sind und viele Gutschriften abwerfen. In einem intakten Wald ist unglaublich viel Kohlenstoff gespeichert. 40 bis 50 Prozent der Gutschriften im freiwilligen Kohlenstoffmarkt stammen aus Waldschutzprojekten. Danach folgen Wind- und Solarparks, gefolgt von erwähnten Kochofen-Projekten.

In den letzten Jahren hat sich die Kritik an solchen Projekten gehäuft. Warum?
Insbesondere bei den Waldprojekten ist die Zahl der Widersprüche und Inkohärenzen enorm. Angefangen damit, dass die Zeithorizonte nicht zusammenpassen. Kohlenstoff, aus fossilen Depots freigesetzt, wird das Klima auf Jahrtausende beeinflussen. Die Speicherung von Kohlenstoff im Wald kann aber immer nur eine sehr viel kürzere, begrenzte Speicherung sein. Kein Projektbetreiber, der heute ein Waldschutzprojekt betreibt, kann garantieren, dass der Kohlenstoff im Wald über solch lange Zeiträume auch tatsächlich gespeichert bleiben wird. Das heißt: Früher oder später wird der Kohlenstoff, der im Baum oder im Wald gespeichert ist, wieder in die Atmosphäre freigesetzt, obwohl er die Klimawirkung des fossilen Kohlenstoffs kompensieren soll. Und dann ist natürlich keine Kompensation mehr gegeben. 

Wissenschaftliche Untersuchungen, unter anderem aus den USA und Brasilien haben gezeigt, dass weit über die Hälfte der Emissionsgutschriften auf Überschätzung zurückzuführen sind und dass etwa 90 Prozent der CO2-Gutschriften aus den jeweils untersuchten Wald-Kompensationsprojekten nicht plausibel sind. In Deutschland haben jetzt die ersten Gerichte entschieden, dass Werbung mit klimaneutralen Produkten irreführend ist.

Kein Produkt, das mit dem Label „klimaneutral" oder „CO2-neutral" wirbt, ist tatsächlich ohne Auswirkung auf das Klima.

Können sie ein konkretes Beispiel nennen?

Ja, das Maisa-Waldschutz-Projekt in Brasilien etwa. Der Projektbetreiber, ein Unternehmen namens Biofilica, das sich auf solche Kompensationsprojekte spezialisiert hat, schließt einen Vertrag mit einem Landbesitzer im brasilianischen Amazonas ab. Der verpflichtet sich, weniger Wald zu roden als er gesetzlich dürfte. Biofilica hat dargelegt, wie viel Wald der Landbesitzer ohne den Vertrag gerodet hätte. So wurde errechnet wieviel CO2 durch die vermiedene Entwaldung eingespart wird. Das sollen für das Jahr 2023 etwa 60.000 Tonnen CO2 sein. 

Im laufenden Jahr hat der Waldbesitzer aber trotzdem begonnen, Wald zu roden und damit das Abkommen gebrochen. Die Frage ist nun, was passiert mit den CO2-Gutschriften, die Biofilica bereits verkauft hat? Wie sich dieses Beispiel auflösen wird, ist aktuell noch nicht absehbar.

Die letzten Monate wurde auf EU-Ebene unter dem Titel „Green Claims Directive“ das Verbot von klimaneutral-Labels diskutiert. Wie ist das einzuschätzen?
Die EU hat angekündigt die Produktwerbung mit „klimaneutral“ oder „CO2-neutral“-Label, deren Klimaneutralität mit dem Kauf von Gutschriften begründet ist, zu verbieten. Solche Werbung soll für Produkte ab dem Jahr 2026 verboten sein.

Das ist überfällig, den kein Produkt, das mit dem Label „klimaneutral“ oder „CO2-neutral“ wirbt, ist tatsächlich ohne Auswirkung auf das Klima. Das heißt, die Bewerbung als klimaneutral ist immer irreführend und Verbrauchertäuschung. Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Bei der Green Claims-Initiative geht es aber nur um die Produktbewerbung und nicht darum, wie sich Unternehmen selbst darstellen. Mit Hilfe von CO2-Gutschriften könnte sich das Unternehmen BP also weiterhin als klimaneutral bewerben, nicht aber seine Produkte.

Es gibt aber auch da eine starke Industrielobby, die die Regelung aufweichen will. Klimaneutral-Etiketten sollen etwa ohne zeitliche Begrenzung aufgebraucht werden dürfen. Das wäre ein großes Schlupfloch, wenn ein Unternehmen jetzt noch Etiketten druckt und die nächsten Jahre weiterhin auf die Produkte kleben darf.

Die Käufer der CO2-Gutschriften befinden sich in der Regel in den Industrieländern und die Kompensationsprojekte in den Ländern des globalen Südens. Das heißt, die Käufer sind in den Ländern, die die größte Verantwortung für die Klimakrise tragen. Diejenigen, die zusätzlich Emissionen einsparen sollen, sind in den Ländern, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben.

Wie reagiert der CO2-Emissionsmarkt auf die Kritik?
Seit den Skandalen über die systematische Überschätzung von angeblich eingesparten Emissionen sind mehrere sogenannte „Integritäts-Initiativen“ auf den Plan getreten. Initiativen von Marktteilnehmern oder -Befürwortern des Emissionshandels sagen: „Ja, es gibt zurzeit Probleme mit diesen CO2-Gutschriften.“

Schaut man sich die Reformansätze an, muss man klar sagen: Sie alle gehen am eigentlichen Kernproblem der Kompensation vorbei. Etwa hypothetische Annahmen eines Projektbetreibers, was passiert wäre, hätte es das Kompensationsprojekt nicht gegeben. Man kann die Überschätzung vielleicht etwas eindämmen. Mit CO2-Gutschriften wird man aber nie dahin kommen, dass die absolute Aussage „Die Emissionen wurden dauerhaft kompensiert“ garantiert werden kann.

Einige der Vermittler von Kompensationsgutschriften, wie MyClimate und ClimatePartner, haben ihre Label schnell geändert. Die versprechen jetzt keine Klimaneutralität mehr, sondern nur noch einen Beitrag zum Klimaschutz. Dem Klima bringt das neue Etikett wenig, denn die Gutschriften stammen aus denselben Projekten, die ihre angeblich vermiedenen Emissionen völlig überschätzen.

Was muss jetzt getan werden?
Im Bezug auf den Handeln mit CO2-Kompensationen muss man sagen, der effektivste Klimaschutz wäre, diesen Handel gestern abgeschafft zu haben.

Warum? Zum einen, weil er auf Geschichten über hypothetische Emissionen beruht und diese nie nachprüfbar sein werden. Zum anderen, weil diese Kompensationsprojekte in der Regel von externen Unternehmen durchgeführt werden, die wenig auf die tatsächlichen Belange der Bevölkerung vor Ort eingehen. In der Regel nehmen sie die politisch Schwächsten – die kleinbäuerliche Landnutzung – in den Fokus. Die kleinbäuerliche Landnutzung ist in den wenigsten Fällen das große Problem bei der Entwaldung. An die großen Ursachen für Entwaldung kommen diese Projekte gar nicht ran. Mir ist kein einziges Kompensationsprojekt bekannt, das eine Soja- oder Palmöl-Plantage verhindert hätte.

Hinzu kommt noch, dass die Käufer der CO2-Gutschriften sich in der Regel in den Industrieländern befinden und die Kompensationsprojekte in den Ländern des globalen Südens. Das heißt, die Käufer sind in den Ländern, die die größte Verantwortung für die Klimakrise tragen. Diejenigen, die zusätzlich Emissionen einsparen sollen, sind in den Ländern, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben. Auch aus dieser Perspektive ist der Handel mit Kompensations-Gutschriften immer ungerecht. 

Jutta Kill, Jahrgang 1967 aus Berlin, ist Biologin und beobachtet seit mehr als zwei Jahrzehnten die Kohlenstoff-Märkte. Für Nicht-Regierungs-Organisationen hat sie CO2-Ausgleichsprojekte in Brasilien, Kenia und Indien begutachtet.
Autor*in: Christof Mackinger

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